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Sehr feiner Sand - Kapitel 1 by ~orphen:iconorphen:



Es sind zwei oder drei Grad draußen und Jenny ist da. Jenny ist fast immer da, seit beinahe drei Jahren. Wie ein Kätzchen kam sie, und beschloss zu bleiben.
Mehr oder weniger. Sie verschwindet manchmal für eine Woche oder mehr, manchmal geht sie mir einfach eine Zeit lang aus dem Weg, so dass ich ihre Anwesenheit nur daran bemerke, dass ich mehr Geschirr abwaschen muss, als wenn ich alleine bin.
Wir sind nicht miteinander zusammen, noch mit jemand anderen...ich weiß noch nicht mal genau wie wir zu einander stehen, aber außer meiner Nähe scheine ich ihr nicht wichtig zu sein.
Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob sie mich gerne mag, da sie meistens schweigt. Wenn sie redet, ist es immer dunkel. Sie kommt zu unzeiten in mein Schlafzimmer und erzählt eine Geschichte, immer mit ihr in der Hauptrolle. Geschichten die sie erlebt hat.
Sagt sie.
Sie setzt sich vor meinem Bett auf den Boden und weckt mich mit ihrer Stimme.

Ihre Stimme.
Als ob ich sie schon kannte, als sie zu mir kam und deshalb wusste, dass ich sie bei mir aufnehmen muss, um den Klang dieser Stimme im dunklen hören zu dürfen.
Ihre Stimme.
Die mir noch nie eine der Fragen beantwortet hat, die sich mir aufgedrängt haben.
Ihre Stimme.
die keine Unklarheiten hinterlässt in dem, was sie sagt.
Ihre Stimme;
das lichtscheue Wesen.

Es hat beinahe vier Monate gedauert, bis ich sie zum ersten Mal vernahm. Sie kam im Herbst zu mir; die Blätter waren noch nicht gefallen, als ich sie bemerkte.
So unspektakulär.
Sie hatte eine kleine Sporttasche dabei, und stand im Supermarkt vor mir in der Schlange, kaufte eine Flasche Wasser. Die freundlichen Worte der Kassiererin erwiderte sie nicht, zahlte schweigend und setzte sich am Eingang auf die auf Kunden wartenden Einkaufswagen. Sie sprang nicht mit einer federnden Drehbewegung ab, um elegant auf der vordersten Stange zum sitzen zu kommen, wohl wissend, dass sie allen im Weg ist, sich ein Kaugummi in den Mund steckt und das Papier wegschnippt.
Sie setzte sich einfach.
Und folgte mir dann in einigem Abstand Richtung Heimat.
An der Bushaltestelle schräg gegenüber von meinem Haus nahm sie platz und wartete.
Als ich am nächsten Morgen zur Arbeit ging war sie wieder da.
Oder noch.
Ich weiß es nicht.
Sie hatte aber die selbe Tasche dabei, und saß auf der selben ungemütlichen Bank, wie am vorherigen Tag.
Ich sprach sie nicht an, nicht weil ich sie unattraktiv fand, sondern weil ich Frauen nicht anspreche kann. Der Bus kommt, ich steige ein, sie bleibt sitzen.
An den Tag auf der Arbeit erinnere ich mich nicht. Ich bin Mathematiker in einem multinationalen Konzern, mein Chef mag ich nicht besonders, während er meine Zuverlässigkeit zu schätzen weiß.
Früher habe ich mit meinen Kollegen einmal die Woche Softball gespielt, aber seit unser Mannschaftskapitän, mein guter Freund M, unsere Firma, unsere Stadt und damit auch unser Team verlassen hat, ist meine Teilnahme am Training unregelmäßig geworden, bis ich schließlich ganz weg blieb.
Was die Kollegen dachten, weiß ich nicht, mir wurde durch Ms gehen klar, dass ich ohne ihn dem Team nie beigetreten währe.
Wir telefonieren noch in unregelmäßigen Abständen miteinander. Ich rufe ihn immer an seinem Geburtstag an, er meldet sich mit an Komik grenzender Zuverlässigkeit zwei Tage nach meinem, um sich für das Vergessen zu entschuldigen.
Als ich zu hause ankomme und aus dem Bus steige, sitzt sie immer noch da. Oder schon wieder.
Mein Abend ist wie immer: das Mikrowellengourmetmenü mit Bierchen auf dem Sofa vor dem Fernseher, anschließend habe ich entweder an einem Modellbausatz gearbeitet oder gelesen.
Es muss der Modellbausatz gewesen sein, weil ich die 'Bismarck' kurz nachdem sie zum ersten mal mein Haus betrat fertigstellen konnte. Wenn ich an einem Modell arbeite vergesse ich alles. Ich hatte fest vor, nach dem Essen aus dem Küchenfenster zu schauen, weil ich wissen wollte, ob die Unbekannte noch immer (wieso sollte sie bloß?) an der Haltestelle sitzt.
Aber anstelle mein Geschirr in die Küche zu bringen, ließ ich die Teller auf dem Couchtisch stehen und begann mit den ersten Malerarbeiten am Rumpf.
Das Kleben von Modellen ist mir überraschender Weise zuwider; eine der mich unglaublich störenden Aufgaben, die ich leider nicht umgehen kann, wenn ich Modelle bemalen möchte.
So malte ich erst größere Flächen, um dann erste Details zu setzen, bis kurz nach Mitternacht, fiel ins Bett und wachte am nächsten Morgen nach einer, meiner Meinung nach zu kurzen, Nacht auf.

Keiner würde mir glauben, wenn ich behaupten würde, sie säße am nächsten Morgen nicht mehr an der Haltestelle.
Zu diesem Zeitpunkt ärgerte ich mich kurz, dass ich es gestern Abend versäumt habe nach ihr zu gucken, der Ärger verflog aber zusammen mit den Gedanken an sie, sobald ich mich in den Bus setzte und sie aus dem Blick verlor.

Am Abend war sie immer noch da.
Ich sah, dass sie mich sah, mir mit Blicken folgte, ohne aufdringlich zu wirken. Und diesen Abend vergaß ich sie nicht.
Ich unterbrach mein Essen zweimal, um in Werbepausen nach ihr zu sehen.
Sie war noch da.
Ich merkte, dass es mit meiner Konzentrationsfähigkeit an diesem Abend nicht weit her war, und beschränkte mich auf unkomplizierte Teile des Schiffes, gab irgendwann etwas genervt auf und legte mich früh in Bett.
Ich stand vor dem einschlafen noch zweimal auf; sie war noch da.
Es war wieder nach Mitternacht, als ich zur Ruhe kam.
Am nächsten Morgen stand ich nervös an der Haltestelle. Wir warteten gemeinsam. Ich auf meinen Bus, sie auf ... irgendwas.
An diesen Arbeitstag kann ich mich gut erinnern, weil es der erste  war, an dem ich unangenehm, oder auch nur überhaupt, auffiel. Mein Chef bat mich um die Analyse einer Testreihe, aber die Zahlen, die er mir vorlegte, wollten beim besten Willen keinen Sinn ergeben. Ich saß an meinem Schreibtisch in Massentierhaltung im Großraumbüro, starrte auf meine Monitore, konnte den Blick aber nicht auf ihnen fokussieren, da ich mit meinen Augen noch am Blickwechsel vom vorherigem Abend hing.
Weshalb wurde ich das Gefühl nicht los, das sie auf mich wartet? Ich bin doch immer da, was gibt's da zu warten? Aber keiner scheint sie abholen zu wollen, und irgendwo hin will sie wohl auch nicht. Ich weiß nur nicht, ob sie noch auf der Reise ist, oder schon angekommen. Und wenn sie angekommen sein sollte, warum zum Henker an der Bushaltestelle schräg gegenüber vor meinem Haus?

Ein Kaffee, das sollte mir helfen mich auf die Zahlen zu konzentrieren.
Auf dem Weg zur Teestube muss ich am Büro meines Chefs vorbei, die Tür ist offen, er sieht mich auf dem Gang.
Ob ich es vielleicht vor schaffe, ihm vor dem Mittag eine erste, vorsichtige Prognose zu geben.
Ich weiß es nicht, ich werde tun was ich kann, sage ich, obwohl ich weiß, dass ich so falsche Hoffnungen wecke, da diese Antwort bei mir normalerweise heißt „kein Problem, ich schaff das“.
Bis zum Mittag sind es noch eineinhalb Stunden, und das, was ich seit meiner Ankunft um acht Uhr getan habe kann man schwerlich Arbeit nennen.
In der Teestube treffe ich die beiden größten Buschtrommeln unserer Abteilung, ihres Zeichens die Chefköche der Gerüchteküche. Ihr Gespräch brach abrupt ab, als sie meine nahenden Schritte vernahmen.  Als ich den Raum betrat, sprach er auch schon, die Tasse mit Yogitee in der einen Hand, die andere wedelte im Takt der Worte, über das Wetter, während sie sich einen Haferbrei in der Mikrowelle aufwärmte, und schnatternd auf die Windstille hinwies, welche wirklich äußerst ungewöhnlich sei für diese Jahreszeit und mit großer Sicherheit Folge dieser Treibgase währe.
Da ich keine Meinung zum Thema der noch nicht gefallenen Blätter als direktes Resultat des mangelnden Windes hatte, umging ich wie immer ihre Versuche mich in das Gespräch zu verwickeln, und bereitete schweigend meinen Milchkaffee zu.

Zurück am Arbeitsplatz genoss ich meinen Kaffee und versuchte mir einen Überblick über die Datensammlung zu verschaffen. Mein vom Koffein geweckter Verstand fand schnell einige unerwünschte parallelen zu früheren, nicht erfolgreichen, Testreihen, die jedoch mit richtigen Tendenzen verwoben waren, so dass ich nicht das Gefühl hatte, eine vorsichtige Prognose vor Sichtung und Berücksichtigung aller Werte wagen zu können. Diese Einsicht verschlechterte die Stimmung meines Chefs etwas, ein Ereignis, welches an sich nichts ungewöhnliches ist, und einer der Gründe aus denen ich meine Chef nicht besonders schätze, seltsam war nur, dass der Grund dafür von mir kam.
Um bis zum Mittag soweit zu kommen, dass ich mit Sicherheit sagen kann, dass ich nichts mit Sicherheit sagen kann, hat mein Körper fünf Tassen Kaffee benötigt. Ich saß jetzt also, nachdem ich den Termin sowieso nicht mehr einhalten konnte, leicht zitternd mit rasendem Herz auf meinem Bürostuhl und ließ die Daten Daten sein, klickte ein paar mal hektisch mit der Maus, wenn jemand in die Nähe kam, und war unproduktiv.
Ob sie noch da saß?
Sie war unauffällig gekleidet, immer ähnlich, eine gute Hose mit Top und Jäckchen, aber nie nachlässig, sondern immer so, dass mir jedes mal ein neuer von ihr gesetzter Akzent ins Auge fiel. Und obwohl ich sie jetzt schon drei Tage in Folge sehe, kann ich nicht mit Gewissheit sagen, ob sie sich zwischendurch umgezogen hat, oder nur die Accessoires gewechselt hat, um ihr Aussehen neu zu betonen.
Ich beschließe, dass es nicht die selben Kleider sind wie am ersten Tag sind, schließlich muss sie ja auch was essen oder austreten, kann also, auch wenn es so scheint, nicht die ganze Zeit auf der Bank in dem Bushäuschen sitzen.
Jedenfalls kann man es nicht, wenn man über Tage so frisch aussieht wie sie.
Ob sie heute Abend noch da ist?
Sie ist es.
Und ich denke immer noch an sie.
Ich hab an diesem Abend noch nicht einmal den Versuch unternommen, an dem Schiff zu arbeiten, da sein Anblick schon die frustrierenden Erinnerungen an meine kläglichen Malversuche des vorherigen Abends weckten.
Im Fernsehen lief ein Sergio Leone Film, den ich vor Jahren das letzte Mal gesehen hatte und mich wieder mal positiv überraschte, aber nicht genug fesselte, um nicht auch zwischen den Werbepausen nach ihr zu sehen.
Nach dem Film, es war längst dunkel, beschloss ich, mich im Gästezimmer zur Ruhe zu legen, da dieses ein Fenster zur Straße raus hat, und ich so vor dem Einschlafen Richtung Haltestelle spähen kann.
Diese Nacht schlief ich unruhig, wachte insgesamt wohl viermal auf und sie war immer da.

Der Mann, der mir beim rasieren aus dem Spiegel entgegen blickte tat mir Leid, ob dem ihm widerfahrenen (oder: tat mir Leid. Was ihm wohl widerfahren ist?). Zwei Unachtsamkeiten und Pflaster sowie eine Dusche später gab es ein Müsli mit Blick durchs Küchenfenster auf die Straße.
Als ich das Haus verließ, beschloss ich, sie an den Armen zu packen, und zu schreien.
„Was hab ich getan, dass du da bist?! Warum bist du immer hier?“
Aber als die Straße überquert war und ich vor ihr stand brachte ich nur ein leises ''Warum?'' über die Lippen, längst nicht so dramatisch wie ich mir vorgenommen hatte, woraufhin sie mich nur anschaute und schwieg. Ich zog mich etwas zurück, aber der Baum neben der Haltestelle war viel zu jung, um mir Deckung vor ihrem Blick zu geben. Nach etwa zwei Minuten erlöste mich der kommende Bus.

Der Tag im Büro begann mit einer Standpauke vom Chef, wo die Analyse währe, wie ich denn aussehe und so weiter.
Ich muss zugeben, ich hab nicht einmal richtig zugehört.
Danach verlief es ähnlich produktiv wie am Vortag, ich ging  Mittags zum Chinesen um die Ecke, da meine Kollegen mexikanisch essen wollten, und kam zu spät zurück ins Büro. Der Chef fuchtelte ein bisschen mit den Armen, ich täuschte Beschäftigung vor, und wartete auf den Feierabend.

Als sich der Bus meiner Station nähert versank ich tief im Sitz um, von außen unsichtbar, zwei Stationen später auszusteigen. Der Umweg war etwas über einen Kilometer, aber ich konnte hinterm Haus über den Zaun klettern und durch die Kellertür ins Haus gelangen. In geduckter Haltung schlich ich nach oben ins Gästezimmer und lupfte die Gardine so vorsichtig, dass der Faltenwurf von draußen fast unsichtbar gewesen sein muss.
Sie war da.
Zu Abend aß ich nicht, Appetit wollte sich nicht einstellen. Stattdessen versuchte ich mich mit einigen Leibesübungen zu ermüden, um früh schlafen zu können, musste aber schon nach fünf Kniebeugen und drei Liegestützen feststellen, dass ich von meiner früheren Sportlichkeit einiges eingebüßt hatte.
Ich legte mich trotzdem früh hin und konnte, wie erwartet, nicht einschlafen.
Gegen elf Uhr abends klopfte es an meiner Tür.
Ich öffnete im Morgenmantel und sie stand vor mir, betrat ohne Aufforderung oder Worte mein Haus und legte sich im Wohnzimmer auf das Sofa.
Als ich ihr folgte sah ich, dass sie schon eingeschlafen war.
Ich legte mich in mein Bett.
Babys könnten nicht besser schlafen.
©2008-2009 ~orphen
:iconorphen:

Author's Comments

ich hab wieder mal einen Satz im Kopf gehabt, und hab angefangen zu schreiben.
aufm Handy im Bus. :P

Comments


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:icona-mole:
auf'm handy eh? cool

also hier und da ausdrucksschwächen aber eine schöne ruhige, berührende geschichte.
bin auf mehr gespannt! :hugs:

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-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.
Knowledge is power. Power corrupts. So study hard and be evil!
:iconorphen:
ich mach mich mal auf die suche nach den ausdruckschwächen, und versuche sie auszumerzen....es ist etwas schwer, weil man (ich) durch die perspektive immer leicht in versuchung gerät diese zynisch-nihilisteische film noir stimme in einem (mir) die erzählung zu überlassen, obwohl das nicht die stimmung ist, die ich rüberbringen möchte

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This signature encourages witchcraft.

"There is no God, and Dirac is his Prophet" -Wolfgang Pauli
:icona-mole:
ne ich glaub das isses nicht
stimmung ist gut

es geht nur um ausdrücke die etwas stärker/ origineller rüberkommen könnten. weißte was ich meine?

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-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.
Knowledge is power. Power corrupts. So study hard and be evil!
:iconorphen:
ich denke ja.
werde das ganze die tage noch mal durchgehen.

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This signature encourages witchcraft.

"There is no God, and Dirac is his Prophet" -Wolfgang Pauli
:icona-mole:
ok!
machste noch urlaub??
:blowkiss:

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-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.
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:iconorphen:
nee. da hatte ich ja nur arnes iphone um ins netz zu gehen, und da bringen foren und so nicht wirklich spass. bin seit sontach wieder in hamburg.

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"There is no God, and Dirac is his Prophet" -Wolfgang Pauli

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July 11, 2008
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